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Datenstrategie

Retourenquote 2026: Was EHI-Daten wirklich zeigen — und was nicht

MR
Martin Reichle
Chimp Business GmbH

Die Retourenquote im deutschen E-Commerce liegt laut EHI-Studie 2025 (Datenbasis 2024) bei durchschnittlich 17,4 Prozent über alle Warengruppen — nicht bei 25 bis 30 Prozent, wie es in zahlreichen Online-Artikeln unter Verweis auf „EHI und HDE" kolportiert wird. Diese höhere Zahl lässt sich auf keine konkrete, benannte Primärstudie zurückführen. Ein Sekundärartikel relativiert sie sogar selbst als „Schätzung", ein anderer präsentiert sie als „bestätigt" — ein Widerspruch, der zeigt, wie eine Zahl im Zitierkreislauf ihre Herkunft verliert.

Was die EHI-Daten zur Retourenquote tatsächlich zeigen

Die EHI-Studie "Versand-, Verpackungs- und Retourenmanagement" befragte im Sommer 2025 124 namhafte Onlinehändler in der DACH-Region, rund ein Viertel davon mit über einer Milliarde Euro Jahresumsatz. Das ist eine Befragung großer Anbieter — kein Vollzensus des Marktes. Wer die dort erhobenen Prozentwerte als Aussage über „den Handel" insgesamt liest, verwechselt Stichprobe mit Grundgesamtheit. Für die Gesamtquote über alle Warengruppen bleibt der belastbarste Wert die 17,4 Prozent aus der EHI-Studie 2025, mehrfach unabhängig zitiert, etwa bei der TextilWirtschaft.

Nach Warengruppe unterscheidet sich das Bild deutlich: In der Elektronik geben 85,7 Prozent der Händler Quoten bis 10 Prozent an, bei Möbeln liegen rund 93 Prozent der Händler bei bis zu 10 Prozent. Die Modebranche ist der Ausreißer nach oben.

Warum die Mode-Retourenquote tatsächlich bis 50 Prozent reicht

Anders als die 25–30-Prozent-Gesamtzahl ist der Wert für Mode durch EHI-Daten gestützt — allerdings anders, als er meist zitiert wird. 87,7 Prozent der befragten Modehändler berichten Rücksendequoten bis zu 50 Prozent, 12,2 Prozent liegen sogar darüber, und bei fast jedem vierten Modehändler (24,5 Prozent) liegt die Quote zwischen 36 und 50 Prozent. Das ist eine Verteilung von Selbstauskünften einzelner Händler, kein einzelner aggregierter Branchenwert — ein wichtiger Unterschied, wenn man daraus die eigene Planung ableitet. Wer in der Modebranche mit einer pauschalen „50 Prozent"-Annahme rechnet, überschätzt damit vermutlich die eigene Situation, wenn das Sortiment nicht überwiegend aus den retourenstärksten Kategorien besteht.

Was an der 18-Milliarden-Euro-Zahl schief liegt

Auch die oft zitierte Gesamtkostensumme von über 18 Milliarden Euro jährlich für Logistik, Bearbeitung, Wertverlust und Personal ist ohne eine benannte Primärstudie im Umlauf. Quellen verweisen dabei lediglich auf „Branchenberichte" — ein Hinweis darauf, dass niemand die Zahl selbst berechnet, sondern nur weitergereicht hat. Der Warenwert der Rücksendungen wird an anderer Stelle deutlich niedriger und konkreter angegeben: rund 530 Millionen Rücksendungen pro Jahr mit einem Warenwert von geschätzt 12 bis 15 Milliarden Euro. Selbst bei den Kosten pro Artikel wird es unscharf: 53,3 Prozent der EHI-befragten Händler geben bis zu 10 Euro pro retourniertem Artikel an, 13,9 Prozent bis zu 20 Euro — aber die Studie hält ausdrücklich fest, dass fehlende Kostentransparenz gezielte Optimierung bei vielen Händlern erschwert. Genau darin liegt die eigentliche Nachricht: Nicht die Schlagzeile ist das Problem, sondern dass viele Unternehmen ihre eigenen Retourenkosten gar nicht präzise genug kennen, um daraus etwas abzuleiten.

Was seit Juli 2026 zusätzlich gilt: Vernichtungsverbot und Widerrufsbutton

Zwei Rechtsänderungen greifen aktuell direkt in den Umgang mit Retouren ein. Seit dem 19. Juli 2026 gilt für große Unternehmen das Vernichtungsverbot für unverkaufte Textilwaren aus der Delegierten Verordnung (EU) 2026/296 zur Ökodesign-Verordnung ESPR. Für den Online-Modehandel betrifft das ausdrücklich Retouren, B-Ware, Saisonware und Restbestände. Zehn Ausnahmeregelungen bleiben — etwa bei Beschädigung, Hygienemängeln oder Rechtsverstößen — doch Unternehmen müssen fünf Jahre lang dokumentieren, was mit der jeweiligen Ware geschehen ist. Für mittlere Unternehmen greift die Pflicht erst 2030. Ab 2027 kommt der digitale Produktpass für Textilien hinzu.

Bereits seit dem 19. Juni 2026 ist zudem der elektronische Widerrufsbutton nach § 356a BGB Pflicht: Wer Verbrauchern Fernabsatzverträge über eine Online-Oberfläche ermöglicht, muss eine elektronische Widerrufsfunktion bereitstellen. Ab dem 27. September 2026 kommen weitere Informationspflichten zu umweltfreundlichen Lieferoptionen und Reparierbarkeit hinzu. An der Kostentragung selbst ändert sich nichts: Nach § 357 Abs. 2 BGB trägt der Unternehmer die Rücksendekosten, sofern er den Verbraucher nicht in der Widerrufsbelehrung zur Kostentragung verpflichtet hat — unverändert seit 2014, ganz unabhängig vom verbreiteten Irrglauben an eine „40-Euro-Grenze".

Was diese Zahlen für die eigene Datenbasis bedeuten

Die eigentliche Konsequenz aus dieser Faktenlage ist keine neue Schlagzeilenzahl, sondern eine Frage an die eigene Datenhaltung: Weiß ein Unternehmen, wie hoch seine Retourenquote je Kategorie, Kanal und Lieferant tatsächlich ist — und was jede Retoure an Logistik-, Wertverlust- und Personalkosten wirklich verursacht? Genau diese Kostentransparenz fehlt laut EHI selbst bei vielen befragten Großhändlern. In der Praxis liegen die Daten dazu meist verteilt vor: Retourengründe im Shop-System, Bestände im ERP, Preise und Nachbestellungen in wieder anderen Tools, Marktplatzdaten in eigenen Exporten. Ein Analyse-Center, das Marktplätze, Shops, ERP, Retouren, Bestände und Preise in einer normalisierten, joinbaren Datenbasis zusammenführt, macht aus diesen verstreuten Zahlen erst eine belastbare Grundlage. Statt einer Pauschalquote aus dem Netz zeigt sich dann die tatsächliche Retourenquote nach Kategorie und Lieferant, verknüpft mit Lieferzeiten und Saisonalität — und darauf aufbauend konkrete, begründete Empfehlungen für Preis, Nachbestellung oder Räumung, die vor der Ausführung zur Freigabe vorgelegt werden. Das ersetzt keine Rechtsberatung zu ESPR oder Widerrufsbutton, liefert aber die Zahlenbasis, ohne die jede Entscheidung zu Sortiment, Retourenmanagement oder Preisgestaltung auf Vermutungen beruht.

Recherchiert und im Entwurf mit KI-Unterstützung erstellt, vor der Veröffentlichung von Martin Reichle geprüft und freigegeben. Näheres

Häufige Fragen

Wie hoch ist die durchschnittliche Retourenquote im deutschen E-Commerce wirklich?

Laut EHI-Studie 2025 (Datenbasis 2024) liegt sie bei durchschnittlich 17,4 Prozent über alle Warengruppen — nicht bei den oft zitierten 25 bis 30 Prozent, für die keine belegbare Primärstudie existiert.

Stimmt es, dass die Modebranche bis zu 50 Prozent Retourenquote hat?

Ja, das ist durch EHI-Daten gestützt: 87,7 Prozent der befragten Modehändler berichten Rücksendequoten bis zu 50 Prozent, allerdings als Verteilung einzelner Händlerangaben und nicht als einzelner Branchendurchschnitt.

Woher stammt die Zahl von 18 Milliarden Euro Retourenkosten?

Diese Zahl wird in mehreren Quellen nur unter Verweis auf allgemeine Branchenberichte genannt, ohne dass eine konkrete EHI- oder HDE-Primärstudie sie belegt. Sie gilt als nicht belastbar zitierfähig.

Seit wann gilt das Vernichtungsverbot für unverkaufte Textilien?

Für große Unternehmen gilt es seit dem 19. Juli 2026 auf Basis der Delegierten Verordnung (EU) 2026/296 zur ESPR. Mittlere Unternehmen haben bis 2030 Zeit, es umzusetzen.

Wer trägt die Kosten der Rücksendung bei einem Widerruf?

Nach § 357 Abs. 2 BGB trägt grundsätzlich der Unternehmer die Rücksendekosten, außer er hat den Verbraucher in der Widerrufsbelehrung ausdrücklich zur Kostentragung verpflichtet. Diese Regelung gilt unverändert seit 2014.

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